Über Jahrzehnte hinweg hat die Morgensendezeit das Radio geprägt. Doch Jahre nachdem die Pandemie die Hörgewohnheiten verändert und den einzelnen Tageszeiten plötzlich eine neue Bedeutung verliehen hat, deutet aktuelle Forschung darauf hin, dass der Nachmittag zur wertvollsten Daypart des Mediums werden könnte.
„Afternoon ist die aufstrebende Daypart des Radios“, so das neu veröffentlichte „State of the Media 2026“-Bericht der US-amerikanischen Crowd React Media. Die Forschung zeigt, dass der Anteil der Hörerinnen und Hörer, die den Nachmittag als ihre wichtigste Radiohörzeit angeben, seit 2024 kontinuierlich gestiegen ist, während sich der Morgen in die entgegengesetzte Richtung entwickelt hat.
Einer von drei Amerikanern gibt an, dass inzwischen der größte Teil seines Radiohörens am Nachmittag stattfindet. Der Anteil des Publikums dieser Daypart ist in den vergangenen drei Jahren um 21 % gestiegen. Dies geht aus einer Befragung von 1.094 Erwachsenen in den USA hervor, die im März und April durchgeführt wurde.
Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen zurückgegangen, die die Morgensendezeit als ihre wichtigste Hörzeit bezeichnen. Laut dem Bericht hören vier von zehn Amerikanern morgens Radio – das sind 12 Prozentpunkte weniger als vor drei Jahren.
Obwohl die Afternoon-Drive-Daypart insgesamt etwas weniger Hörer erreicht als in den vergangenen Jahren, werden die Hörer, die geblieben sind, deutlich engagierter.
„Das Afternoon-Drive-Publikum wird zahlenmäßig kleiner, aber engagierter – die Cume-Reichweite ist leicht rückläufig, während der Anteil derjenigen, die den Nachmittag als ihre wichtigste Daypart bezeichnen, steigt“, heißt es in dem Bericht. „Die Menschen, die am Nachmittag dabei sind, sind wirklich dabei. Das ist ein Qualitätssignal, nicht nur ein Quantitätssignal.“
Crowd React Media verweist außerdem auf eine breitere Erholung in den Situationen, in denen Radio traditionell besonders stark ist. Nachdem das Radiohören während der Arbeit 2025 zurückgegangen war, stieg es in diesem Jahr von 21 % auf 30 %. Beim Hören während des Sports bzw. Trainings erhöhte sich der Anteil von 25 % auf 31 %.
„Der Arbeitsweg und das Fitnessstudio sind als Nutzungssituationen für Radio zurück“, heißt es in dem Bericht.
Die Veränderungen bei den Hörgewohnheiten der einzelnen Tageszeiten zeigen, dass Radio – anders als die meisten digitalen Medienplattformen – die sogenannte „Aufweichung von Gewohnheiten“, die soziale Medien, Streamingdienste und Podcasts betrifft, weitgehend vermieden hat.
Die wöchentliche Reichweite des Radios stieg in diesem Jahr leicht von 75 % auf 76 % der Erwachsenen in den USA. Gleichzeitig sank die Conversion Rate – also der Anteil der Hörer, die das Medium regelmäßig nutzen – lediglich um einen halben Prozentpunkt.
Die Studie zeigt außerdem, dass die einzelnen Radiohör-Sessions über drei aufeinanderfolgende Jahre bemerkenswert konstant geblieben sind. Rund 40 % der Hörer geben an, bei einer typischen Hörsituation weiterhin zwischen 30 Minuten und einer Stunde Radio zu hören – ein Engagement-Niveau, das Crowd React als Wettbewerbsvorteil bezeichnet.
„In einer Medienlandschaft, die von nachlassenden Gewohnheiten geprägt ist, ist die Stabilität des Radios ein Wettbewerbsvorteil – kein Trostpreis“, heißt es in dem Bericht.
Ein weiteres Ergebnis, das viele Radiomacher überraschen dürfte, betrifft jüngere Zielgruppen. Vier von zehn Erwachsenen im Alter von 18 bis 34 Jahren sagen, dass lokale Inhalte ein Grund dafür sind, Radio zu hören. Dieser Anteil ist höher als bei den Hörern ab 55 Jahren.
Crowd React sieht darin einen der „umsetzungsstärksten“ Datenpunkte seiner Untersuchung. „Das Publikum, das die Branche am dringendsten gewinnen möchte, ist gleichzeitig das Publikum, das am stärksten durch genau das motiviert wird, was lokales Radio am besten kann“, heißt es in dem Bericht.
Die Daten zeigen außerdem die besondere Rolle von News/Talk-Radio im allgemeinen Nachrichtenkonsum der Menschen. Anstatt sich auf eine einzige Quelle zu verlassen, stellen sich Hörerinnen und Hörer sogenannte „Multi-Source News Diets“ zusammen und wechseln im Laufe des Tages zwischen Online-Nachrichten, Fernsehen, Apps und Radio.
News/Talk-Radio wird von 21 % der Befragten häufig genutzt und liegt damit hinter Online-Nachrichten (43 %) sowie Kabel- und Streaming-Fernsehen (42%), aber vor YouTube und Podcasts, wenn es um Nachrichten geht. Die Studie zeigt außerdem, dass der Nachrichtenkonsum zwei klar erkennbare tägliche Spitzen aufweist – 56 % am Morgen und 49 % am Abend. Diese Zeitfenster bleiben damit wichtige Gelegenheiten für Nachrichtenanbieter und Broadcaster, ihre Zielgruppen zu erreichen.
Das Nachrichtenverhalten der Verbraucher zeigt, warum Crowd React dafür plädiert, Radio nicht länger ausschließlich als terrestrisches Medium zu betrachten. Bei den 18- bis 34-Jährigen nutzen 70 % klassisches AM/FM-Radio, gleichzeitig hören 45 % über mobile Apps, 36 % über Desktop-Streaming und 22 % über Smart Speaker.
„Ein 25-Jähriger, der eine lokale Morgensendung über eine Smartphone-App hört, ist ein Radiohörer“, heißt es in dem Bericht. „Die Hörsituation ist das, was geschützt werden sollte – nicht der Übertragungsweg.“
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